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Drei Fragen an Prof. Johannes Drerup

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Foto Prof. Johannes Drerup © Ines Vielhaben
Prof. Johannes Drerup ist seit Okto­ber 2019 Professor für All­ge­mei­ne Er­zie­hungs­wis­sen­schaft an der TU Dort­mund.

Prof. Johannes Drerup von der Fa­kul­tät Er­zie­hungs­wis­sen­schaft und Psy­cho­lo­gie hat An­fang Juli ge­mein­sam mit Dr. Gottfried Schweiger von der Uni­ver­si­tät Salzburg den Band „Bil­dung und Erziehung im Ausnahmezustand“ herausgegeben. Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­ter aus Philosophie und Er­zie­hungs­wis­sen­schaft diskutieren in ihren Beiträgen Probleme und Heraus­forde­rungen, die sich durch die Pan­de­mie in pä­da­go­gi­schen Praxisfeldern ergeben. Im Interview be­rich­tet Prof. Drerup, was die Idee hinter dem Buch war, inwiefern sich gesamtgesellschaftliche Probleme in der Co­rona­krise manifestieren und ob sich daraus auch neue Chancen ergeben könnten.

Prof. Drerup, Sie haben den Band in kurzer Zeit zusammengestellt und nur wenige Monate nach Beginn der Krise ver­öf­fent­licht. Was waren Ihre Beweggründe?

Dank der guten Zu­sam­men­arbeit aller Be­tei­lig­ten konn­ten wir den Band schon rund drei Monate nach unseren ersten Vor­über­le­gung­en veröffentlichen. Mein Kollege und Mitherausgeber Gottfried Schweiger von der Uni­ver­si­tät Salzburg hatte sich auf sei­nem Philosophie-Blog bereits sehr früh mit dem The­ma be­schäf­tigt. Ich war zugegebenermaßen selbst zu­nächst eher skeptisch aufgrund der vie­len empirischen Unklarheiten, durch die die Situation damals wie heute gekennzeichnet ist, und aufgrund der erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Fallstricke, die philosophisch ambitionierte Zeitdiagnosen mit sich bringen. Zugleich erscheint es nicht sinnvoll, sich in der Aus­ei­nan­der­set­zung mit einer solchen Situation im El­fen­bein­turm zu verbarrikadieren. Eine zentrale Aufgabe besteht aktuell darin, sich abzeichnende Problemvorgaben und -felder sys­te­ma­tisch zu bearbeiten und Vorschläge zu ma­chen, wie die Ereignisse aus phi­lo­so­phi­scher Sicht zu be­schrei­ben und einzuordnen sind. Die Autorinnen und Autoren des Bandes zei­gen meines Erachtens sehr gut, dass man – auch unter Be­din­gun­gen schneller Veränderungen und großer Un­sicher­heit – plausible und inspirierende philosophische und erziehungswissenschaftliche Beiträge liefern kann. Meiner Auffassung nach ist es Teil der ge­sell­schaft­li­chen Ver­ant­wor­tung von Wis­sen­schaft­ler­in­nen und Wis­sen­schaft­lern, die eigene Expertise in die öffentliche Debatte ein­zu­bringen und auch zu aktuellen ge­sell­schaft­li­chen Fragen Stellung zu beziehen. Der Band richtet sich als Form der „public philosophy“ da­her an Eltern, Lehr­kräf­te, Per­so­nen, die mit Familien und Kindern ar­bei­ten, und an alle, die sich für philosophische Fragen zu den The­men Kindheit, Bil­dung und Erziehung interessieren.

Sie schreiben im Vorwort, dass die Probleme, die sich in der Co­rona­krise zei­gen, keine radikal neuen Probleme sind. Was meinen Sie damit?

Viele gesellschaftspolitischen Dauerprobleme – wie etwa Bildungsungleichheiten oder häusliche Gewalt – wer­den der­zeit vermehrt in der Öf­fent­lich­keit diskutiert und ge­win­nen damit an öffentlicher Sichtbarkeit. Sie waren aber selbst­ver­ständ­lich auch schon vorher da. Zugleich ist davon auszugehen, dass sich diese Probleme in der aktuellen Krise intensivieren. Ich denke, wir haben es grund­sätz­lich mit mehreren interdependenten Krisen zu tun, das heißt einer me­di­zi­nisch-gesundheitspolitischen, ökonomischen, politischen und eben auch pä­da­go­gi­schen Krise. Dies zeigt sich nicht zuletzt daran, wie in einigen Ländern politisch mit der Pan­de­mie umgegangen wird – etwa in Indien, Brasilien oder den USA, deren Präsident ja bei­spiels­weise et­was befremdliche Ideen zur Nutzung von Desinfektionsmitteln hatte. Trotz aller legitimen Skepsis gegenüber einer Pädagogisierung politischer Debatten oder der Überfrachtung der Schule mit allen nur denkbaren ge­sell­schaft­li­chen Erwartungen: Hier offenbaren sich ganz offensichtlich auch enorme Bildungsdefizite in der Bevölkerung, die auf Heraus­forde­rungen und Aufgaben für Demokratieerziehung und demokratische Bil­dung verweisen. Schulen und Uni­ver­si­tä­ten sind hier aufgefordert, ihren Bildungsauftrag zu erfüllen. Ich denke, dass die Disziplin Er­zie­hungs­wis­sen­schaft dafür prädestiniert ist, diese und ähn­liche Probleme in und außerhalb der Uni­ver­si­tät reflexiv zu bearbeiten und zu diskutieren.

Bekanntlich wohnt jeder Krise auch eine Chance inne. Welche Chancen könnten sich aus der Co­rona­krise für die Bil­dung und Erziehung ergeben?

Zunächst sind es neben den Chancen vor allem die Heraus­forde­rungen, die ungemein vielfältig sind: Angefangen von der Vereinbarkeit von beruflichen Pflichten und der Fürsorge für die eigenen Kin­der bis hin zur Umstellung auf di­gi­ta­le Lehre und der – aus Sicht von Kindern und Jugend­lichen –  damit einhergehenden Vereinsamung im Lockdown und dem Verlust verlässlicher Routinen und Strukturen außerhalb des Elternhauses, die pä­da­go­gi­sche Institutionen liefern sollten. Natürlich gibt es zugleich immer auch Chancen und Mög­lich­keiten, die eine solche Krise bietet. Es ist nur die Fra­ge, wer diese Chancen mit welcher Motivation, welchen Mitteln und auch mit welchen Folgen praktisch zu nut­zen weiß. Für Digitalisierungsprozesse etwa bedeuten die aktuellen Ent­wick­lungen sicherlich einen Durchbruch, auch und gerade in pä­da­go­gi­schen Kontexten. Ob und wie dieser Durchbruch aber dann längerfristig zu be­wer­ten ist, wel­che konkreten Folgen damit in un­ter­schied­lichen Praxisdomänen und Lebensbereichen verbunden sein wer­den, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nur schwer prognostizieren. Die längerfristigen in­di­vi­du­el­len und kollektiven Lern- und Bildungsprozesse, die eine solche Krise nach sich ziehen wer­den – und das ist im Übrigen eine Lektion, die man aus der Bildungstheorie ler­nen kann – sind zu­nächst weitgehend offen. Zu befürchten ist der­zeit, dass wir uns auf einen Dauerkrisenzustand einstellen müs­sen. Was auch immer aber in den nächsten Monaten auch an der TU Dort­mund auf uns zukommen wird – ich denke, dass die bisherigen Er­fah­run­gen uns zumindest eines gelehrt haben: Wir schaf­fen das.


Zur Person:
Johannes Drerup ist seit Okto­ber 2019 Professor für All­ge­mei­ne Er­zie­hungs­wis­sen­schaft an der TU Dort­mund. Er wurde 2013 an der Westfälischen Wilhelms-Uni­ver­si­tät Münster im Fach Er­zie­hungs­wis­sen­schaft promoviert und vertrat an­schlie­ßend ver­schie­de­ne erziehungswissenschaftliche Professuren an der Uni­ver­si­tät Koblenz-Landau. Seit Mai 2019 ist er zudem Gastprofessor an der Freien Uni­ver­si­tät Amsterdam, wo er ge­mein­sam mit Prof. Melanie Ehren die Forschungs­gruppe „Educational Governance and Philosophy of Education“ leitet. Seine For­schungs­schwer­punkte liegen u.a. in der Erziehungs- und Bildungstheorie, der angewandten pä­da­go­gi­schen Ethik sowie der The­o­rie und Praxis von Demokratieerziehung und demokratischer Bil­dung. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen der Harvard Graduate School of Education arbeitet er der­zeit an einer inter­natio­nalen Langzeitstudie, die sich mit ethisch­en Problemen und Heraus­forde­rungen befasst, die die Pan­de­mie aus Sicht von Lehr­kräf­ten mit sich bringt.
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Das Buch:
Drerup, Johannes / Schweiger, Gottfried (Hrsg.): Bil­dung und Erziehung im Ausnahmezustand – Philosophische Reflexionsangebote zur COVID-19-Pan­de­mie.
ISBN: 978-3-534-27288-4
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Anfahrt & Lageplan

Der Cam­pus der Technischen Uni­ver­si­tät Dort­mund liegt in der Nähe des Autobahnkreuzes Dort­mund West, wo die Sauerlandlinie A45 den Ruhrschnellweg B1/A40 kreuzt. Die Abfahrt Dort­mund-Eichlinghofen auf der A45 führt zum Cam­pus Süd, die Abfahrt Dort­mund-Dorstfeld auf der A40 zum Cam­pus-Nord. An beiden Ausfahrten ist die Uni­ver­si­tät ausgeschildert.

Direkt auf dem Cam­pus Nord befindet sich die S-Bahn-Station „Dort­mund Uni­ver­si­tät“. Von dort fährt die S-Bahn-Linie S1 im 20- oder 30-Minuten-Takt zum Hauptbahnhof Dort­mund und in der Gegenrichtung zum Hauptbahnhof Düsseldorf über Bochum, Essen und Duis­burg. Außerdem ist die Uni­ver­si­tät mit den Buslinien 445, 447 und 462 zu erreichen. Eine Fahrplanauskunft findet sich auf der Homepage des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr, au­ßer­dem bieten die DSW21 einen interaktiven Liniennetzplan an.
 

Zu den Wahrzeichen der TU Dort­mund gehört die H-Bahn. Linie 1 verkehrt im 10-Minuten-Takt zwischen Dort­mund Eichlinghofen und dem Technologiezentrum über Cam­pus Süd und Dort­mund Uni­ver­si­tät S, Linie 2 pendelt im 5-Minuten-Takt zwischen Cam­pus Nord und Cam­pus Süd. Diese Strecke legt sie in zwei Minuten zu­rück.

Vom Flughafen Dort­mund aus gelangt man mit dem AirportExpress innerhalb von gut 20 Minuten zum Dort­mun­der Hauptbahnhof und von dort mit der S-Bahn zur Uni­ver­si­tät. Ein größeres Angebot an inter­natio­nalen Flugverbindungen bietet der etwa 60 Ki­lo­me­ter entfernte Flughafen Düsseldorf, der direkt mit der S-Bahn vom Bahnhof der Uni­ver­si­tät zu erreichen ist.

Die Ein­rich­tun­gen der Technischen Uni­ver­si­tät Dort­mund verteilen sich auf den größeren Cam­pus Nord und den kleineren Cam­pus Süd. Zu­dem befinden sich einige Bereiche der Hoch­schu­le im angrenzenden Technologiepark. Genauere In­for­ma­ti­onen kön­nen Sie den Lageplänen entnehmen.