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Vortrag „Gedenken an Natur(?)katastrophen: Zur sozialen Konstruktion von Katastrophengedächtnissen“

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Am 10. Dezember 2025, 16 – 18 Uhr, wird Frau Prof. Dr. Julia Gerster einen hochschulöffentlichen Vortrag zum Thema „Gedenken an Natur(?)katastrophen: Zur sozialen Konstruktion von Katastrophengedächtnissen“ im IBZ halten. Frau Gerster forscht und lehrt am International Research Institute of Disaster Science der Tohoku Universität in Sendai (Japan) und ist ausgewiesene Expertin für die Forschung zur Katastrophenprävention und -bewältigung aus ethnografischer Perspektive sowie für die Untersuchung des kollektiven und kulturellen Gedächtnisses nach Katastrophen. Anfang Dezember wird sie Gambrinus-Fellow an der Fakultät Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bildungsforschung sein.

Zum Inhalt des Vortrags: „Naturkatastrophe“ – kaum ein Begriff ruft so unmittelbar Assoziationen hervor wie dieser: Bilder von Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüchen oder Überschwemmungen, die als unaufhaltsame Naturgewalten erscheinen. Doch ob eine Naturgewalt tatsächlich zur Katastrophe wird, ist kein naturgegebener Automatismus. Vielmehr ist es das Zusammenspiel von gesellschaftlichen Strukturen, politischen Entscheidungen, infrastrukturellen Gegebenheiten und individuellem Risikobewusstsein, das über Ausmaß und Wirkung eines Ereignisses entscheidet.

Der Vortrag geht der Frage nach, wie Katastrophen sozial beeinflusst und erinnerungskulturell verarbeitet werden und legt offen, wie Erinnerung stets auch Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse ist: Wie beeinflusst Erinnerungskultur Risikokompetenzen? Wer wird erinnert, wer wird übergangen? Wer spricht mit welcher Autorität über „die Lehren aus Katastrophen“?

Im Zentrum steht dabei Japan – ein Land, das nicht nur geologisch im pazifischen Feuerring liegt und regelmäßig von Vulkanausbrüchen, Erdbeben, Tsunamis und Taifunen heimgesucht wird, sondern auch eine besonders ausgeprägte Katastrophengedächtniskultur entwickelt hat. Mit Hunderten von Gedenkstätten, Museen, Mahnmalen, Ritualen und Bildungsprogrammen stellt Japan ein besonders vielschichtiges Beispiel dar, um die kulturellen, politischen und sozialen Dimensionen von Katastrophenerinnerung zu analysieren.

Anhand ethnographischer Beispiele wird aufgezeigt, wie Erinnerungskulturen nicht nur der Vergangenheitsbewältigung dienen, sondern aktiv zur Gestaltung von Zukunft beitragen: als Mittel der Bildungsarbeit, der politischen Mobilisierung und der kollektiven Vorbereitung auf kommende Krisen. Dabei wird auch kritisch hinterfragt, welche Vorstellungen von „Lernen aus der Katastrophe“ dominieren, und wie Gedenkkulturen sowohl Inklusion als auch Ausschlüsse produzieren, wodurch wiederum politische und soziale Aushandlungsprozesse sichtbar gemacht werden.